Interview mit Dr, Gerrit Hellwig, Geschäftsführender Gesellschafter, Experte für Finanz- und Energiewirtschaft

„Bei unseren Plattformen liegt der Mehrwert für unsere Kunden darin, dass sie ohne internen Mehraufwand ihre operativ relevanten Prozesse wieder zurück ins Haus holen.“

Gerrit, aus welcher Situation heraus hast du DEC gegründet?

Ich hatte in meiner vorherigen Laufbahn sowohl branchenübergreifend Unternehmen zu energienahen Themen beraten als auch viele Jahre bereits auf Versorgerseite in Management-Positionen gearbeitet. Dabei hatte ich viel Kontakt zu Dienstleistern und ihren unterschiedlichsten Angeboten. Natürlich gab es mancherorts Verbesserungsbedarf, aber der Weg vom Erkennen zum tatsächlichen Handeln war im System Versorger stets ein großer – was mich immer sehr gestört hat. Deshalb entschloss ich mich, meine Komfortzone zu verlassen, die Dinge selbst mit anzupacken und meine Idee von einer Energie-Plattform umzusetzen.

Bist du allein unterwegs oder hast du den Start der Firma direkt mit weiteren Partnern oder Mitarbeitern hingelegt?

Über verschiedene Kontakte und mittels eines Technologieberaters, der als Inkubator sowohl finanzielle wie auch personelle Unterstützung bot, konnte ich zunächst die Anschubfinanzierung für die Entwicklung solch komplexer Plattformen sicherstellen. Insofern war es eine Gründung mitsamt einem Team, bestehend aus drei Personen. Alle Teammitglieder fungieren als Mitgesellschafter. Insgesamt beschäftigt DEC heute sieben Mitarbeiter.

Mit welchen Angeboten geht DEC denn in den Markt?

DEC steht im engen Zusammenhang mit der von uns zu Anfang entwickelten Plattform, die das Geschäft der Energiebeschaffung und sämtliche weitere energienahen Themen für Filialisten und niederlassungsstarke Unternehmen digitalisiert. Dabei werden sowohl die Zahlungsabwicklung, also das Clearing, als auch andere energiewirtschaftlichen Marktprozesse abgebildet. Was also klassischerweise und mit entsprechender Manpower von einem Energieversorgungsunternehmen erledigt wird, wickelt die Plattform nun automatisiert für den Kunden ab. Der Aufwand sinkt und die Wertschöpfungskette verändert sich. Im Unterschied zur „normalen“ Software-Entwicklung, die wir ebenfalls betreiben, haben wir hier am Ende keine 1:1-Beziehung zwischen Software und User. Vielmehr dient die Plattform-Entwicklung der Verbindung und Interaktion ganz unterschiedlicher Akteure. Dies ist auch keinesfalls zu vergleichen mit einem klassischen Kundenportal. Vielmehr spielen hier z. B. Schnittstellen zu Energiehandelsbörsen oder anderen Handelspartnern eine gewichtige Rolle. Dies entwickeln wir im eigenen Namen, lassen aber auch Dritte von dem Know-how profitieren. Zudem sind wir in der Lage, beispielsweise Anbindungen an ein SAP-ERP selbstständig als Paket anzubieten. Diese besondere Aufstellung der DEC sorgte u. a. auch dafür, dass die Wohnungswirtschaft auf uns aufmerksam wurde und gemeinsam mit uns von den neuen Lösungsmöglichkeiten und einer Veränderung der Wertschöpfungsketten profitieren möchte. Auch da sind wir bereits auf einem guten Weg.

Zudem entwickeln wir auch mobile Apps, denn wir zielen mit unserer Plattformen für die Wohnungswirtschaft auf das operative Tagesgeschäft der jeweiligen Zielgruppe ab – und dieses Geschäft findet nicht nur in den Büroräumen statt, sondern auch unterwegs, beim Mieter und in den Immobilien. So fungieren unsere Apps als verlängerter Arm der Plattform. Und ganz nebenbei: Für unsere Plattformen oder Apps bedarf es keinerlei Schulungen. Denn unser Ziel ist es, dass unsere Kunden sich Plattform oder App anschauen und sagen: „Ja, habe ich verstanden.“ Sollte das einmal nicht der Fall sein, liefern wir ein besseres UI (Anm. d. Red.: UI = User Interface, Benutzeroberfläche). Ebenso sind wir keine Freunde von User-Lizenzen beim Software-Vertrieb. Hier setzen wir stattdessen auf ein rein leistungsbasiertes Prinzip, zum Beispiel über die Anzahl der hinterlegten Wohnungseinheiten.

Inzwischen hat sich DEC aber stark weiterentwickelt, so sind wir auch als DEC Consulting im Beratungsgeschäft aktiv. Dort begleiten wir größere Unternehmen bei der digitalen Transformation im Sinne einer strategischen Geschäftsmodellentwicklung und Prozessdigitalisierung.

Nenn uns doch mal eins deiner bisher erfolgreichsten oder auch spannendsten Projekte und beschreib bitte den Mehrwert, den der Kunde dadurch erfahren hat.

Nur auf Basis einer Idee und eines Stück Papiers haben wir bei der Entwicklung unserer Plattform für die Wohnungswirtschaft direkt zu Anfang wirklich große Partner ins Boot holen können, darunter ebenso einen der großen Energiedienstleister Deutschlands wie auch einen der großen Player der Telekommunikationsbranche. Wir selbst hatten erst im Spätsommer 2018 mit der Entwicklung begonnen, im Dezember standen wir dann bei gut 30 Prozent. Trotzdem war die Idee so überzeugend, dass die beiden Partner nur auf Basis von Projektskizzen und des bis dato fertigen Teils der bisherigen Plattformentwicklung diese einkauften.

Diese Plattform ist gerade auch für kleinere Wohnungsgenossenschaften mit nur wenig Personal ein guter Weg, um die tägliche Arbeit einfacher umzusetzen und unabhängiger am Markt agieren zu können.

Bei unseren Plattformen liegt der Mehrwert für unsere Kunden darin, dass sie ihre operativ relevanten Prozesse wieder zurück ins Haus holen und für Transparenz sorgen. Vieles wird heute extern erledigt, über Dienstleister oder Berater outgesourct, oft auch, weil man den personellen Aufwand nicht stemmen will oder kann. Aber je mehr ich herausgebe, desto weniger weiß ich selbst und desto abhängiger werde ich als Unternehmen. Unsere Plattformen holen das Wissen zurück, ohne dass der Aufwand steigt. Ein Beispiel aus dem Bereich der Filialisten: Wenn ich über die Plattform Energie beschaffen möchte, kann ich zum einen wesentlich professionellere Beschaffungsmodelle abwickeln, als es mit einem normalen Energieberater oder Stadtwerk möglich ist. Zum anderen habe ich trotzdem weniger Aufwand und weiß on demand immer genau über das Bescheid, was gerade am Markt passiert. All die Informationen vom Netzbetreiber, vom Messstellenbetreiber, vom Energiehandelspartner und vieles mehr sind im System vorhanden. Der Kunde wird aber nicht mit Daten überfrachtet, sondern erhält passgenau, was er braucht, um Prozesse selbst abzuwickeln (zu lassen). Damit verkürzen wir die Wertschöpfungskette.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung den KMU aus deiner Sicht?

Da sehe ich vor allem zwei Dinge: Zum einen kann ein kleines oder mittleres Unternehmen im Rahmen einer Digitalisierung seinen Mitarbeitern eine deutlich bessere Arbeit ermöglichen, ganz gleich, ob eher in kaufmännischen, technischen oder anderen Bereichen. Zum anderen können Unternehmen heute ganz andere Dienstleistungen anbieten als zuvor. Auch als kleinerer Anbieter kann ich im Prinzip wie die Großen agieren. Da gilt schlicht die Metapher: Es ist erstmalig möglich, mit einem Laptop auf der Parkbank die Welt zu verändern. Für KMU ist aus meiner Sicht dabei wichtig, die Digitalisierungsbemühungen in Relation zu halten und nicht übermäßige Investitionen zu tätigen oder, aus Angst das Falsche zu tun, gar nichts zu unternehmen. Wie kann ich meinen Mitarbeitern ein besseres Arbeitserlebnis schaffen? Wie vermeide ich es, dass die gleiche Excel-Tabelle zwei Dutzend Mal am Tag bearbeitet wird und am Ende immer noch unvollständig ist? Was passt zu mir und meiner Mannschaft? Hier gilt es vor allem, praxisnahe Lösungen zu suchen.

Gerrit, vielen Dank für das Interview und die Einblicke in die Vorteile eurer digitalen Plattformen.