Interview mit Daniel Kessler, Medienproduzent und Geschäftsführer von Planetenwerft

„Dass der Bedarf an der interaktiven Betrachtung weiter wachsen wird, lässt sich schon an der steigenden Zahl virtueller Produktdarstellungen im Netz sowie auf Messen festmachen.“

Daniel, aus welcher Situation heraus hast du gegründet?

Mein Vater war 20 Jahre als Programmierer bei Nixdorf beschäftigt, meine Mutter ist Innenarchitektin bei einem Finanzinstitut. Anfang des neuen Jahrtausends war die 3D-Visualisierung noch echte Pionierarbeit, aber manche Finanzinstitute hatten deren Vorteile, zum Beispiel bei der Sichtbarmachung von Bauprojekten, bereits erkannt. Auch meine Eltern waren von der neuen Technik angetan; mein Vater sah die Potenziale und hat sich in diesem Bereich erfolgreich selbständig gemacht. Ich selbst bin dann bei ihm in die Lehre gegangen und konnte das gut mit meiner kreativen Ader verbinden. 2005 habe ich zudem das Studium der Medienproduktion aufgenommen. Da ging es schon längst nicht mehr nur um Immobilienkunden, sondern auch um Visualisierungen für die Industrie und andere Branchen. 2009 schloss ich ab und gründete eine Filmproduktion. Da war das Internet technisch gesehen schon so weit, dass sich 3D-Visualisierung und Film flüssig miteinander kombinieren ließen. 2011 kam dann die Drohnen-Technik mit Luftbildern dazu. 2014 konnten wir schließlich mit der Echtzeitvisualisierung starten, die dem Betrachter die Möglichkeit gibt, selbst in das Geschehen einzutauchen und dort auch zu interagieren. Inzwischen ist die Echtzeit-Technik ausgereift genug, um auch vielen mittelständischen und selbst kleineren Unternehmen überragende Vorteile zu bringen.

Mit welchen Angeboten geht die Planetenwerft denn in den Markt?

Die Planetenwerft bedient heute vor allem die Industrie als auch die Architekturbranche mit 3D-Animationen sowie Echtzeit-Anwendungen und ist schon im Planungsprozess mit dabei. In der Industrie geht es darum, komplizierte Geräte und größere Anlagen virtuell aufzubauen, um sie interessierten Kunden online- und offline mittels Browserapplikation oder VR-Brille über den Browser oder als Point of Interest vor Ort zu präsentieren. Anders als beim linear ablaufenden Video oder der Animation, kann der Betrachter mit der virtuellen Darstellung auf vielfältige Weise interagieren. Das virtuelle Modell reagiert dabei von der Bedienung her wie das echte Produkt.

Auf diese Weise lassen sich Produkte ebenso wie ganze Anlagen nicht nur visualisieren, sie können auch bis ins kleinste Detail bedienbar gemacht werden. Wenn der deutsche Maschinenbauer auf dem chinesischen Markt aktiv sein will, kann er ja schlecht seinen Außendienst mit vier riesigen Produktionsanlagen im Handgepäck auf die andere Seite des Globus fliegen lassen. Stattdessen nutzt er die Echtzeit-Visualisierung über das Internet, um seine Maschinen vorzustellen, zu erklären und schnell auf Wünsche des Kunden eingehen zu können. Mit Techniken der Virtual Reality und dem Einsatz von speziellen Brillen gehen die Vorteile des VR inzwischen noch viel weiter. Kunden erhalten die Möglichkeit, direkt über die VR-Darstellungen mit dem Unternehmen zu kommunizieren, Varianten zu testen, oder Abläufe zu verinnerlichen. So wird die Kaufentscheidung maßgeblich positiv beeinflusst.

Ein weiteres Feld sind die vielen Schulungsmöglichkeiten, die die Technik bietet. So haben wir beispielsweise ein System entwickelt und im Einsatz, mit dem angehende Lokführer lernen, die Lok richtig zu rangieren. Ebenso lassen sich aber auch Roboter an Produktionsstraßen anlernen, indem die notwendigen Bewegungen an einem verkleinerten Modell ausgeführt werden. Ein entsprechendes System entwickeln wir derzeit für die Toyota Tochter Denso Robotics. Virtuelle Bedienungsanleitungen auch für kleinere Geräte und Objekte erstellen wir sehr oft.

In der Architektur können durch unsere Visualisierung der Pläne die unterschiedlichen Beteiligten direkt sehen, ob es zum Beispiel Sichtbehinderungen gibt, wie sich Sonnenstände auswirken oder ob die Terrassen richtig ausgeleuchtet sind. Genauso lässt sich auch die Wirkung verschiedener Materialen mit ein paar Mausklicks simulieren. Das geschieht auf Grundlage unserer seit Jahren gewachsenen Datenbank mit den unterschiedlichsten Texturen, Möbeln und Objekten. Der Kunde kann, wenn gewünscht, auch selbst diese Änderungen vornehmen, indem er die entsprechende Textur ins Programm lädt oder Zugriff auf beispielsweise Möbeldatenbanken bekommt, um die Innenausstattung zu simulieren. Das funktioniert auch mit den allermeisten Browsern auf Grundlage von WebGL über das Internet – und dadurch lassen sich die Inhalte weltweit streuen.

So arbeiten wir an Bauprojekten mit, bei denen immer öfter schon alle Wohneinheiten verkauft sind, obwohl gerade erst die Baugrube ausgehoben wird. Daran lässt sich leicht ablesen, wie überzeugend die Technik ist.

Nenn doch mal ein oder zwei deiner bisher erfolgreichsten oder auch spannendsten Projekte und beschreib bitte den Mehrwert, den der Kunde dadurch erfahren hat.

Für das Duisburger Unternehmen Brabender GmbH entwickelten wir eine Anwendung für die Microsoft Hololens. Mit ihr kann das Unternehmen seine Analysegeräte für die Lebensmittelindustrie nun virtuell vorführen, ohne die Geräte mit dabei haben zu müssen.

Für JLL, den Marktführer bei Immobilien, arbeiten wir über eine Agentur als fester Visualisierungspartner mit fast allen deutschen Filialen zusammen, auch bei den größten Shopping-Mall-Projekten in Deutschland. Inzwischen haben wir bereits 10 Filme erfolgreich umgesetzt. So auch in Hamburg, wo eine bestehende Mall mit neuem Konzept aufgestockt und in Verbindung mit Wohneinheiten auf eine Größe von fünf Fußballfeldern erweitert wurde. An einem solchen Projekt kann man gut und gerne zwei Monate arbeiten. Wir haben es mit einer Mannschaft von sechs Spezialisten tatsächlich in fünf Tagen geschafft, das Projekt zu visualisieren und als Echtzeit-Projekt umgesetzt. Das geht natürlich nur, wenn jeder genau weiß, was zu tun ist. Der Betrachter kann die Mall sowohl von außen als auch von innen betrachten, durch die Ladenzeilen an anderen (virtuellen) Personen vorbei schlendern oder auch die Tiefgarage begutachten. In gewisser Weise war dies auch ein Pilotprojekt, von dem nun alle unsere Kunden profitieren, denn wir können diese Art von Visualisierung nun auch ortsunabhängig über Brillen anbieten.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung den kleinen und mittleren Unternehmen aus deiner Sicht?

Durch die Digitalisierung findet in vielen Bereichen eine Verbesserung des Workflows statt. Durch die Echtzeit-Darstellungen lassen sich nun auch Objekte schneller und effektiver vermarkten. Maschinen lassen sich plötzlich virtuell bedienen, Planungs-, Präsentations- und Marketingabläufe können erheblich vereinfacht und verbessert werden. Auch Produktions- und Logistikabläufe können über virtuelle Darstellungen automatisiert werden und die Mitarbeiter müssen nicht mehr immer vor Ort sein.

In der Baubranche wird es durch Echtzeit-Visualisierung per Browser oder Brille möglich, genau zu sehen, was wo und wie zu bauen ist, Korrekturabläufe und notwendige Planungsänderungen werden vereinfacht. Schulungen können durchgeführt werden mit Mitarbeitern, die gar nicht vor Ort sind, und das an Geräten, die gar nicht am Präsentationsort vorhanden sind. Und tatsächlich haben ja viele Unternehmen längst die Möglichkeit, ihre Produkte zu visualisieren und arbeiten bereits daran, ihre Räumlichkeiten so bis ins Unendliche zu vergrößern und gleichzeitig eine entfernte Kundschaft anzusprechen. Wenn es vielleicht schon CAD-Daten eines Produktes gibt, lassen die sich in der Regel auch ins Programm laden, sodass nicht bei null angefangen werden muss – entsprechend erschwinglicher ist dann die Visualisierung. Es gibt auch die Möglichkeit, Echtzeit-Visualisierungen in bereits programmierte Software einzuklinken. Es muss also nicht neu programmiert werden. Dass der Bedarf an der interaktiven Betrachtung weiter wachsen wird, lässt sich schon an der steigenden Zahl virtueller Produktdarstellungen im Netz sowie auf Messen festmachen.

Daniel, besten Dank für die Führung durch die Welt der Planetenwerft.