Digitalisierung live: Impulse vom diesjährigen Messe-Talk

Gleich drei Digitale Experten nutzten die Chance, ihr Unternehmen und ihre Lösungen während des Talks einem breiteren Publikum vorzustellen. Mit dabei waren das auf 3D-Verfahren spezialisierte Konstruktionsbüro Süß & friends, die Takuta GmbH mit Dubidoc, einer Online-Terminierungssoftware für Praxen, und die neomatt GmbH mit einer von ihr entwickelten Plattform, die sich nicht nur für E-Learning-Anwendungen empfiehlt.

Sie alle stellten sich den Fragen von Moderator Michael Houben, ließen die rund 80 Gäste live in die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Digitalisierung eintauchen und demonstrierten dabei, was die Digitalen Experten im Digitalen Pott zu leisten vermögen.

3D-Druck und 3D-Scanning für den Mittelstand

Philipp Süß, Maschinenbau-Ingenieur, berichtete zunächst von seinen Erfahrungen bei einem Technologiedienstleister, für den er an der Durchführung von Digitalisierungsprojekten in der Industrie mitgearbeitet hatte. Dort setzte er industrielle 3D-Druck- und 3D-Scanning-Verfahren ein, um Montagewerkzeuge für die Automobilindustrie herzustellen oder nicht mehr vorrätige Ersatzteile zwecks Reproduktion einem 3D-Scan zu unterziehen. Aber er sah bald, dass die wirklich interessanten und zudem wirtschaftlichen Erfolg versprechenden Projekte eher im Mittelstand mit seinem innovativen Nährboden zu finden seien. Denn die digitale Fertigung erlaubt ganz individuelle Produkte für Kunden und damit auch ganz neue Geschäftsmodelle. Den Mittelstand mit seinen schneller marktfähigen Angeboten sah er dabei klar im Vorteil – wenn es diesem denn gelänge, bestehende Einstiegshürden aus dem Weg zu räumen. Grund genug, sich Anfang 2018 selbstständig zu machen und die Hürden für seine zukünftigen Kunden einfach selbst aus dem Weg zu räumen.

Vereinfachter Zugang zu digitalen Fertigungsverfahren

Um moderne 3D-Verfahren einsetzen zu können, braucht der Mittelstand drei Dinge: hochwertige Datenmodelle eigener Produkte, eine gute Marktübersicht hinsichtlich Materialien und Verfahren und die notwendige technische Infrastruktur. Doch er braucht sie nicht im eigenen Haus – und somit auch keinen industriellen 3D-Drucker für eine Viertelmillion Euro. Mit Süß & friends als externem Konstruktions- und Fertigungsbüro erhält der Mittelstand das notwendige Wissen des Maschinenbau-Experten und seiner „friends“ (Betriebswirtschaftler, Marketing-Experten und Produkt-Designer) sowie den Zugang zu digitalen Fertigungsverfahren gleichermaßen. Am Ende stehen individuell gefertigte Einzelstücke oder auch kleine Serien mit praktisch jeder nur erdenklichen Geometrie.

Vom 70er-Jahre-Werkstück zum Hightech-Produkt

Beispielhaft für die heutigen Möglichkeiten präsentierte Philipp Süß den Weg, den er gemeinsam mit einem Kunden, dem Betreiber einer Wasserski-Anlage gegangen ist. Dieser setzte zum Ziehen der Wassersportler metallene Greifer ein, die nicht nur aufgrund ihrer vielen Ecken und Kanten schlecht geeignet für die Aufnahme der runden Kugeln der Zugseile war. Auch der hohe Verschleiß und die Lautstärke im Betrieb waren aufgrund des ständigen Aneinanderreibens zweier Metallteile enorm. Der Seilbahnbetreiber hatte zwar eigene Ideen zur Umsetzung, jedoch brauchte er Hilfe bei der technischen Realisierung. In einem agilen Entwicklungsprozess konnte der Betreiber aktiv eingebunden werden und die jeweils entwickelten funktionierenden Prototypen direkt testen. Das kleinschrittige, aber dennoch schnelle Vorgehen in der Entwicklung erwies sich als klarer Vorteil. Genau andersherum verhielt es sich dann in der Produktion: Während die Anfertigung des alten Greifers noch in 17 Einzelschritten durchgeführt wurde, braucht es für das nun im industriellen 3D-Druck gefertigte Produkt nur noch ganze 2.

Online-Terminvergabe für Arztpraxen

Vor gut 15 Jahren gründete Dr. med. Sahbnam Fahimi-Weber eine HNO-Praxis. Daraus haben sich bis heute schon 3 Standorte mit 9 Ärzten entwickelt. Doch auch im Erfolg gibt es Optimierungsbedarf – und dieser fand sich bei der Anmeldung der Patienten. Ständig klingelte das Praxis-Telefon und Mitarbeiterinnen waren stets damit beschäftig, passende Termine zu finden. Gleichzeitig kamen andere Patienten mit ihren Anrufen kaum mehr durch. Nachdem Dr. Fahimi-Weber sich auf dem Software-Markt umgeschaut hatte, ohne eine passende Lösung zu finden, machte sie sich selbst daran, eine zu entwickeln. Mit wissenschaftlicher und progammiertechnischer Unterstützung gelang es ihr, innerhalb von knapp zwei Jahren mit dem Produkt Dubidoc eine SaaS-Lösung (Software as a Service) für Praxen zu entwickeln. Diese ist nach vorheriger Konfiguration der Arbeitszeitenkontingente durch den behandelnden Arzt in der Lage, den Patienten online auf einer Website automatisiert Terminvorschläge zu machen und die Terminblöcke aus Praxissicht auch optimal zu besetzen. Denn der Patient wird aktiv mit eingebunden und wählt aus, was behandelt werden soll – von der Spülung des Ohrs bis hin zum Hörtest. Erst damit ist die Grundlage geschaffen, die notwendige Behandlungsdauer zu bestimmen und automatisierte Vorschläge generieren zu können. Patienten können auch wählen, welcher Arzt sie behandeln soll. Sogar eine Wartezeitenprognose ist integriert. Gut, um zwischendurch beispielsweise noch einen kleinen Einkauf zu erledigen.

Verringerung von Routinearbeiten

Seit dem Einsatz von Dubidoc ist es ruhiger geworden in den Praxen. Das geschulte Personal kann sich nun verstärkt wieder dem widmen, wofür es eigentlich ausgebildet ist. Und die Patienten können abends gemütlich von der Couch aus ihren Wunschtermin finden und buchen. Die Live-Demonstration beim Digitalen Pott zeigte eindrücklich, wie schnell das System arbeitet und wie einfach die Konfiguration ist.

E-Learning und Virtual Reality

Dirk Pessarra, Diplom-Informatiker und Geschäftsführer der neomatt GmbH, war bereits neun Jahre bei einem großen Software-Unternehmen beschäftigt, bevor er sich 2011 selbstständig machte. Seine Geschäftsidee: Eine plattformunabhängige Anwendungsentwicklung, mit der sowohl mobile Apps programmiert als auch webgestützte Lösungen erarbeitet werden können. Eine der Stärken der Firma sind E-Learning Angebote. Auf der Learntec 2019 hat das Unternehmen gerade den Innovationspreis für digitale Bildung für sein Learning Management System next:classroom erhalten. Mit dieser App strukturieren Lehrer und Schüler auf Basis des „Bring your own device“-Ansatzes den Schulalltag besser und können gleichzeitig die Lerninhalte optimaler präsentieren. Die App bietet integrierte 360°-Virtual Reality Panorama-Funktionen, prüfungsähnliche Lernkontrollen und macht die Lernerfolge für Trainer wie auch Auszubildende jederzeit nachvollziehbar. Mit dem Gamifikation-Ansatz wird das Wissen zudem mit Spaß spielerisch vermittelt. Durch Einbeziehung von Gerätesensoren und Wissens-Ralleys bewegen sich die Schüler zudem beim Lernen, was auch die Merkfähigkeit fördert.

Plattform für unterschiedlichste Einsatzzwecke

Mit der von neomatt entwickelten Plattform nimmt nicht nur das E-Learning neue Formen an. Für das Bundesministerium des Innern, Bau und Heimat entwickelten die digitalen Experten die Besichtigung verschiedener und bundesweit verstreut liegender Effizienz-Musterhäuser – ein rein virtuelles Vergnügen, ohne hinfahren zu müssen. Schnell war ein Freiwilliger gefunden, der bereitwillig die VR-Brille aufsetzte und – für das Publikum live auf der Leinwand verfolgbar – mitsamt Controllern einen 360°-VR-Panorama-Spaziergang unternahm. Praktisch für Betreiber: Im System ist ein CMS (Content Management System) inkludiert, was die Einbindung der Inhalte stark vereinfacht.

Neue Möglichkeiten für den stationären Handel

Es ist noch gar nicht lange her, da guckte der Online-Handel noch fleißig beim stationären Handel ab. Doch der ist in vielerlei Hinsicht längst ins Hintertreffen geraten. Grund genug, sich nun andersherum einiges beim Online-Handel abzuschauen. Dazu präsentierte neomatt einen kürzlich entwickelten Prototypen, der es Shops und Kaufhäusern in Verbindung mit einer Inhouse-Navigation ermöglicht, dem Online-Handel nachempfundene Verkaufspraktiken zu realisieren. So können Produkte per App nicht nur ansprechend visualisiert werden, vielmehr kann der Kunde mittels Lokalisierung direkt zum Produkt geführt werden. Darüber hinaus sind auch verkaufsfördernde Maßnahmen integrierbar: So kann die Anwendung mit einer Style-Beratung („Was passt dazu?“) die passende Bluse zur Hose empfehlen, dem Kerzenkäufer zum zusätzlichen Kauf eines Stabfeuerzeugs raten (und auch den Weg dorthin weisen) oder im Lebensmittelbereich Rezepte samt Einkaufsliste vorschlagen. Auch sind Hinweise darauf möglich, was andere Kunden interessierte oder was diese gekauft haben, ebenso lassen sich auch Kundenbewertungen darstellen.

Immense Dichte digitaler Möglichkeiten

Auch wenn aus zeitlichen Gründen nur drei Unternehmen während des Live-Talks berichten konnten: Die insgesamt elf Aussteller, allesamt lokale Experten, bewiesen ausnahmslos, wie facettenreich sich Digitalisierungsprojekte angehen lassen.

Gastbeitrag von Michael Houben

Metamorphose