Man nehme zwei versierte Referent*innen, etwa ein Dutzend diskussionsfreudige Zuhörer*innen und die Camp-Wurst vom Grill: Das sind die Zutaten eines erfolgreichen Fireside Chats Ruhr.

Das von der migosens GmbH seit Dezember im Ruhrgebiet etablierte Format will ein goldener Mittelweg sein: Bei unstrukturierten Netzwerktreffen besteht häufig kein unmittelbarer Anknüpfungspunkt zwischen Gesprächspartnern, Gemeinsamkeiten bleiben unentdeckt. Bei Veranstaltungen mit Frontalvorträgen dagegen sind Fragen oder gar Diskussion aus und mit dem Publikum bestenfalls Nebensache.

Nicht so im Fireside Chat Ruhr am 11. April im Camp Essen: Paula Brandt (Expertin für Firmenwachstum) und Alexander Hochgürtel (Chief Strategy Officer der Q.One Technologies GmbH) lieferten in kurzen Impulsvorträgen lediglich knackige Denkanstöße, die sie in der folgenden Diskussion weiter ausführen und – ja – auch verteidigen konnten. Paiman Minavi als geschäftsführender Gesellschafter der migosens GmbH brachte als Moderator immer wieder neue Denkanstöße ein zur Leitfrage des Abends: Welche Rolle spielt agile Unternehmenskultur als Wettbewerbsfaktor für Unternehmen?

Welche Veränderung passt zu welchem Team – und zu welchem Chef?

Gastgeberin Kirsten Pieper vom Camp Essen beleuchtete zum Einstieg die Hintergründe des Events: „Wir im Camp Essen finden das Thema New Work nicht nur spannend, sondern auch sehr wichtig für die Zukunftsfähigkeit von Startups und etablierten Firmen. Meine Frage: Ist New Work auch eine Antwort auf diese Entwicklung?“ Unternehmensberaterin Paula Brandt stellte in ihrem Beitrag vier Thesen dazu auf, wie Chef oder Chefin einer Mittelstandsfirma eine agile Unternehmenskultur umsetzen können. Nicht alle Veränderungen, so Brandt, könnten in allen Teams umgesetzt werden – eine Tatsache, die von den Diskussionsteilnehmer immer wieder bestätigt und deren Konsequenzen ausgelotet wurden. Und auch nicht jede Führungspersönlichkeit sei zu jeder Veränderung willens und in der Lage – und selbst dann, wenn ein Chef hinter einer Veränderung stehe, verlange ihm das oft auch persönliche Weiterentwicklung ab. Die begleitenden Wachstumsschmerzen führten in ihren Coachings nicht selten auch zu Tränen, selbst bei auf den ersten Blick hartgesottenen Führungskräften.

Die Frage nach dem Warum

Alexander Hochgürtel skizzierte seine Erfahrungen aus der Startup-Welt: Wesentlich stärker als in Konzernen seien Mitarbeiter hier durch ihr ganz persönliches „Warum“ motiviert. Illustriert werde dies im „Goldenen Kreis“ von Autor und Unternehmensberater Simon Sinek: Die Details des „Was“ und „Wie“ der eigenen Tätigkeit seien einfach detailliert darzustellen, während das „Warum“ häufig unscharf und schwierig festzunageln sei.

Trotzdem, so waren sich die Referenten einig, müsse man sich auf die Frage nach dem „Warum“ einlassen: Die ganz persönlichen Werte und Vorstellungen jedes einzelnen Mitarbeiters seien die Bausteine der Unternehmenskultur.

Gibt es eine Unternehmenskultur?

Allerdings – Unternehmenskultur ist nicht nur als Begriff schwer zu fassen, sondern existiert in der Praxis fast nie, zeigte sich in der weiteren Diskussion. Was dagegen sehr wohl existiere, seien Kulturen in überschaubaren Teams und Abteilungen. Die Entwicklung solch unterschiedlicher Kulturen und Ökosysteme müsse man unbedingt zulassen, so Brandt, um den Mitarbeitern die Chance zu geben, ihren „Tribe“ zu finden – einen Stamm oder eine Gruppe von Leuten, die ähnlich tickten wie sie selbst und mit denen gemeinsam der oder die Einzelne ihr Potenzial am besten ausschöpfen könne.

Die Auswahl von Bewerbern anhand so schwammiger Kriterien wie „Passt die zu uns?“ oder „Möchte ich mit dem arbeiten?“ berge aber auch ein Risiko, so der Einwurf von einem Diskussionsteilnehmer. Wenn die Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern einer einzelnen Führungskraft überlassen werde, so ende dies oft mit einem völlig homogenen Team, das in ein oder zwei Gebieten hervorragend aufgestellt sei, aber in allen anderen ahnungslos. Um eine ausgewogene Zusammenstellung von Interessen, Fähigkeiten und Begabungen in Teams zu erreichen, habe man in seinem Unternehmen mittlerweile Besetzungspanels etabliert – keine Einstellung ohne Zweit- oder Drittmeinung.

„Bleiben Veränderung und Agilität nachhaltig “

Können solche Veränderungen in Richtung Agilität nachhaltig sein? Oder wird das Unternehmen im Zweifelsfall von seiner eigenen Trägheit eingeholt?

Klar ist: Unternehmen bekommen den Wandel nicht geschenkt. Sitten und Unsitten, die sich über Jahrzehnte hinweg etabliert haben, lassen sich nicht über Nacht ersetzen. Dies gilt nicht nur für Abläufe, sondern auch für Personen: Nicht jeder Mitarbeiter, aber auch nicht jede Führungskraft sei in der Lage, in einem agilen Unternehmen zurechtzukommen.

Fast lebenswichtig sei für Mitarbeiter das Gefühl, gebraucht zu werden und am richtigen Platz zu sein. Eine Teilnehmerin berichtete aus ihrer Erfahrung, dass man sich in manchen Unternehmen kaum die Mühe mache, um einen geeigneten Platz selbst für gute Mitarbeiter zu finden: „Es wird nicht geredet, es wird gefeuert.“

Agil sein – keine Pflichtübung

Das Buzzword „agil“ steht der Entwicklung eines wirklich agilen Unternehmens oft im Wege, stellten Diskussionsteilnehmer fest: Nur allzu leicht könne bei Mitarbeitern der Eindruck entstehen, dass eine Führungskraft alles, was bisher gelaufen sei, als altmodisch und falsch abwerten wolle. Eigentliches Ziel solle immer die kontinuierliche Verbesserung sein, und daran müsse ein Unternehmen sich messen lassen. „Unternehmen wollen immer agil sein, versuchen dann aber, alles in ihre bestehende KPI-Struktur hineinzuhämmern“, so Hochgürtel.

Sind damit alle Fragen zu agilen Unternehmen, New Work und der Zukunft unserer Wirtschaft geklärt? Natürlich nicht. Die migosens GmbH führt den Fireside Chat Ruhr weiter – zukünftig an jedem letzten Donnerstag im Monat bei wechselnden Gastgebern. Ein ganztägiges Event findet am 10. Oktober im Impact Hub Ruhr in Essen statt.

Kontinuierlich wird sich auch das Camp Essen weiter den Themen New Work und digitaler Wandel widmen: Im Projekt Digitaler Pott werden mittelständische Unternehmen mit Experten und Unternehmen der Digitalwirtschaft zum beiderseitigen Nutzen vernetzt. So mancher Mittelständler lebt bereits eine Kultur der ständigen Verbesserung, auch wenn im Unternehmen nicht von New Work oder Agilität gesprochen wird. Dies ist die beste Voraussetzung, um mit weiteren Lösungen aus der Digitalwirtschaft den digitalen Wandel erfolgreich umzusetzen.

Mehr dazu können Besucherinnen und Besucher aus allen Branchen am 16. Mai 2019 bei der Messe "Ein Jahr Digitaler Pott – Digitalisierung LIVE erleben“ im ComIn genius Raum Nixdorf erfahren.

Gastbeitrag von Dr. Christina Czeschik

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