Interview mit Hind Seiferth, Diplom-Kauffrau und Geschäftsführerin von Unigy GmbH

„Mit dem Kurzfrist-Handel an der Energiebörse unterstützen wir Unternehmen darin, sowohl ihre Energiebeschaffungskosten zu senken als auch im Verkauf von guten Margen zu profitieren.“

Aus welcher Situation heraus hast du dein Unternehmen gegründet?

Ich habe die Entscheidung zur Selbstständigkeit nach 20 Jahren Erfahrung in der Energiewirtschaft getroffen, in denen ich in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Handel aktiv war. Dabei hatte ich mich bereits vor 10 Jahren immer weiter im Energiehandel spezialisiert.

Bist du allein unterwegs oder hast du den Start deiner Unternehmung direkt mit weiteren Partnern oder Mitarbeitern hingelegt?

Wir haben zu viert gegründet. Die drei anderen Gründer sind langjährige Kollegen, ebenfalls aus dem Bereich Handel. Wir alle haben unsere Spezialisierung im Bereich Gas- oder Stromhandel.

Mit welchen Angeboten geht ihr in den Markt?

Wir konzentrieren uns auf den Handel mit Energie und die Entwicklung von Handelsstrategien, zunächst für den Kundenkreis der Stadtwerke und ähnlicher Energieversorgungsunternehmen, die wir dabei unterstützen, ihre Beschaffungskosten zu senken. In einem zweiten Schritt werden wir uns auch den Industriekunden öffnen, sofern sie selbst ihre Energiebeschaffung organisieren. Denn dann brauchen diese Strategien, um im Kurzfristhandel Energiemengen zu guten Preisen zu kaufen oder zu verkaufen. Zudem verfügen viele dieser Unternehmen über eigene Kraftwerkskapazitäten, die sie über uns dem Markt zugänglich machen können. Das Interessante ist, dass Unternehmen im Energiehandel auch Geld verdienen können, ohne ihre Anlagen hochfahren zu müssen. Dafür müssen die Unternehmen auch gar nicht als Händler zugelassen sein. Das übernehmen wir als Schnittstelle zum Markt und beobachten im 24-Stunden-Rhythmus durchgängig und automatisiert den Markt und die Preise, um beim Erreichen der gesetzten Zielpreise zu kaufen oder zu verkaufen. Zu unserer Expertise gehören auch tägliche Fundamentalanalysen bezüglich des bundesweiten Kraftwerksparks und seiner Kapazitäten sowie des Zusammenspiels von Aufkommen, Nachfrage und auch Exporten. So betrachten wir bei Unigy zugleich Historie wie Gegenwart und bilden Erwartungswerte für die Zukunft. Dafür nutzen wir sowohl eine Algorithmus-Trading-Software, die beständig den Markt beobachtet und unter unserer Beobachtung Orders an der Börse platziert, als auch eine Software zur Analyse historischer Daten, die die Bildung von Erwartungswerten unterstützt. Die Algorithmus-Software ist absolut transparent, sodass unsere Kunden jederzeit genau sehen können, wie wir ihre Kraftwerkskapazitäten vermarkten – und zwar bis zur letzten möglichen Sekunde. Dazu entwickeln wir die Algorithmen, die dann entsprechend programmiert werden, und überwachen gleichzeitig mögliche Risiken. Diese 24/7-Dienstleistung nennen wir „TaaS“, was für „Trading as a Service“ steht.

Matthias Lohse, Geschäftsführer und Gründer von Unigy.

Ihr seid mit eurer Neugründung gerade ganz frisch am Markt. Welche Projekte oder Aufgaben hast du bisher als spannend empfunden und welche Mehrwerte haben sich für Kunden ergeben?

Nehmen wir mal ein Beispiel aus dem Gashandel: Gas lässt sich im Gegensatz zu Strom recht gut speichern. Nicht nur in Deutschland gibt es riesige Gasspeicher unter der Erde. Diese werden ebenso von großen Versorgern als auch von kleineren Stadtwerken gemeinsam betrieben. Auch wenn Unternehmen selbst keine Anteile an den Speichern halten, so können sie dennoch virtuell mit dem Gas handeln und überlegen, zu welcher Zeit es sich lohnt, Gas zu kaufen oder zu verkaufen. Das hat natürlich auch mit Jahreszeiten und Temperaturen zu tun. Da der Handel ähnlich volatil ist wie beim Strompreis, lassen sich hier über den Kurzfristhandel gute Margen einfahren.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aus deiner Sicht?

Ich beantworte die Frage mal aus einer rein „energiegeladenen“ Sicht: Alle, die über eigene Anlagen zur Energieproduktion verfügen, also auch Kleinbetriebe und Privatleute, können mit Fotovoltaikanlagen, kleinen Blockheizkraftwerken (BHKW), Speichervorrichtungen und entsprechenden, kleinen Steuerungsgeräten eines unserer Partner an diesem börslichen Handel teilnehmen. Aber das geht eben nur mit dem Algo-Trading und seinem hohen Automatisierungsgrad. So kann z. B. ein Blockheizkraftwerk bei guten Verkaufspreisen automatisch einen Impuls bekommen, hochzufahren, um Strom zu produzieren, der dann verkauft und eingespeist wird. Dieses Thema wird die Dezentralisierung der Energieproduktion zukünftig noch weiter vorantreiben. Zugleich wird die Bedeutung des Kurzfristhandels weiter zunehmen. Momentan produzieren wir in Deutschland rund 500 Terrawattstunden Strom jährlich, 10 Prozent davon werden inzwischen bereits über den Kurzfristhandel vertrieben – Tendenz weiter steigend.