Interview mit Stephan Rossbach, Dipl.-Informatiker und Geschäftsführer von AGILE ANTS GmbH

„Neben der Entwicklung ist auch die Qualität der Kundensoftware wichtig. Wir machen sie messbar und unterstützen mit automatisierten Test- und Delivery Pipelines.“

Aus welcher Situation heraus hast du dein Unternehmen gegründet?

Nach Abschluss meines Studiums ging ich direkt für zwei Jahre als Entwickler in die USA, um bei einem Start-up mit gut 20 Beschäftigten zu arbeiten – genau die richtige Größe, um nicht nur kleinteilig etwas abzuarbeiten, sondern die Dinge mit Überblick zu gestalten zu können. Zurück in Deutschland war ich zunächst rund fünf Jahre als Entwickler in einer größeren Softwarefirma tätig, während mein Entschluss, mich selbstständig zu machen, schon reifte. Nach weiteren zwei Jahren bei einer Beratungsfirma habe ich mich dann tatsächlich mit dem Thema „agiles Projektmanagement“ selbstständig gemacht.

Bist du allein unterwegs oder hast du den Start deiner Unternehmung direkt mit weiteren Partnern oder Mitarbeitern hingelegt?

Ich startete zunächst solo als Freelancer. Das lief sehr gut, sodass ich dann die GmbH gegründet habe. Neben mir als Geschäftsführer gibt es bereits mehrere angestellte Mitarbeiter, in 2020 werden wohl noch weitere dazukommen. Zudem habe ich eine langjährige Partnerschaft mit einem anderen Unternehmen mit zehn Beschäftigten, die ich bei bestimmten Themen nutze.

Eure Website startet auf Englisch. Was ist der Grund dafür?

Der Grund ist ein funktionaler: Bei etwa Dreivierteln unserer Projekte ist die Arbeitssprache Englisch, entweder weil es internationale Kunden oder weil es internationale Teams sind. Das gilt auch für den deutschen Mittelstand, wie beispielsweise Vorwerk. An dem Projekt, an dem ich dort beteiligt war, haben Menschen aus 17 oder 18 Nationen teilgenommen. Es geht also nicht darum, cool zu wirken, sondern ein probates Mittel zur gegenseitigen Verständigung zu nutzen.

Mit welchen Angeboten gehst du in den Markt?

Der Großteil unserer Projekte liegt im Bereich der agilen Software-Entwicklung. Dort sind nicht nur die Einführung und die Anwendung agiler Methoden am einfachsten, sondern auch deren positive Effekte am schnellsten erkennbar. Aber es gibt auch spannende Aufgaben in ganz anderen Bereichen und fernab jeglicher Software, bei denen agiles Projektmanagement Sinn macht, wie zum Beispiel im Event-Management.

Wenn wir aber bei den digitalen Projekten bleiben, dann lässt sich unser Angebot in vier Bereiche gliedern: Mit der agilen Organisation und Transformation bringen wir Projekte in Fahrt und halten sie auf Kurs. Mit dem agilen Coaching trainieren wir die Beschäftigten der Unternehmen mit Blick auf Scrum, Kanban oder XP und mit einem agilen Software-Testmanagement sorgen wir für messbare Qualität und schrittweise Verbesserung der Kundensoftware. Abschließend ermöglichen wir die kontinuierliche Bereitstellung und Integration der Software.

Während es früher so war, dass ein Jahr lang fleißig an einer neuen Software-Version gearbeitet wurde, die dann – heiß ersehnt – ausgerollt wurde, sorgen längst agile Methoden mit dafür, dass alle zwei bis drei Wochen neue Software-Artefakte entstehen, die nutzbar sind. Also hat sich auch die Art und Weise der Bereitstellung stark verändert, es ist heute ein kontinuierlicher Prozess, der aber auch adäquat und hoch automatisiert organisiert werden muss. Viele Unternehmen denken zuerst an den vorderen Teil des Projektes, an die Entwicklung, und berücksichtigen nicht so sehr die Schritte danach wie Testing – auch unter Last- und Performance-Aspekten –, Qualitätsmanagement und Integration. In diese Lücke sind wir zum richtigen Zeitpunkt vorgestoßen, beraten z. B. die Produktmanager, führen die Tests nach den erforderlichen Parametern aus und erstellen verständliche, komplexitätsreduzierte Berichte über die Ergebnisse.

Wie stehst du zum Hype um agile Methoden?

Es stimmt, das Thema „agiles Projektmanagement“ ist heute in aller Munde. Das war vor gut zehn Jahren noch anders. Manchmal sagt man mir, dass sei doch toll für mein Geschäft. Aber das ist es nur bedingt. Denn durch den Hype meinen nun viele, dass jedes nur erdenkliche Projekt, auch solche, die längst in den Brunnen gefallen sind, damit gerettet werden könnte. Da liegen die Probleme schlicht woanders, müssen identifiziert und gelöst werden. Ein bisschen agiler Lippenstift hilft da nicht weiter. Folglich muss ich manchmal auch von agilen Methoden abraten, denn das ist kein Selbstzweck. In Vorgesprächen mit Unternehmen versuche ich deshalb auch immer herauszufinden, was genau die Kunden erreichen wollen. Eine Aussage wie „Wir wollen jetzt Scrum machen“ muss hinterfragt werden.

Nenn uns doch mal eins deiner bisher erfolgreichsten oder auch spannendsten Projekte und beschreib bitte den Mehrwert, den der Kunde dadurch erfahren hat.

Neben unserem Projekt rund um den Thermomix bei Vorwerk ist sicher auch unsere Arbeit für die Hoist GmbH, einem Finanzdienstleister in Duisburg, interessant. Dort haben wir agile Methoden eingeführt, als es um den kompletten und enorm spannenden Austausch der ERP-Software und den Wechsel hin zu einem anderen Anbieter ging. Die Agilität stellte dort im Rahmen eines einjährigen Projekts auch sicher, dass sich niemand im Projekt verrennt. Die Beschäftigten haben alle toll mitgezogen und das Projekt verlief dementsprechend sehr erfolgreich.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aus deiner Sicht?

Wichtig finde ich, zunächst für sich selbst zu klären, was Digitalisierung denn für einen selbst sein kann und worin man einen Sinn sehen würde. Damit lässt sich das Missverständnispotenzial des Begriffes schon erheblich reduzieren. Der eine versteht darunter vielleicht ein Kontaktformular auf der Website, der andere meint damit, bei seinem Lagerbestand von Autoersatzteilen von der Zettelwirtschaft auf die digitale Verwaltung umzusteigen. Ein Dritter hat das schon getan und sorgt nun per Schnittstelle on top dafür, dass sein Lieferant automatisch liefert, wenn der Bestand unter einen bestimmten Wert fällt. Damit sind die Chancen für alle sehr unterschiedlich. Deshalb steht aus meiner Sicht auch für Entwickler immer der Dialog an erster Stelle – und nicht etwa eine Art von Zwangsdigitalisierung. Unternehmen brauchen hier Sparringspartner, die ihnen die richtigen Fragen stellen. Dann lassen sich die Chancen auch richtig nutzen.