Interview mit Dr. Christina Czeschik, Beraterin für Blockchain Start-ups/Ärztin für medizinische Informatik

„Nicht dem Blockchain-Hype verfallen, sondern Vorteile für die eigenen Geschäftsprozesse genau ausloten!“

Christina, aus welcher Situation heraus hast du Intellicore gegründet?

Seit Herbst 2015 betreibe ich freiberuflich unter dem Namen Serapion eine Fachredaktion und Beratung für E-Health - zunächst in Teilzeit, dann in Vollzeit. In diesem Rahmen – und auch vorher – habe ich zum Beispiel auch Bücher geschrieben und mit etablierten Verlagen zusammengearbeitet. Die schnelle technische Entwicklung sorgt aber dafür, dass Bücher zu IT-Themen bei Erscheinen schon nicht mehr aktuell sind. Mit Gründung der Intellicore wollten wir weiterhin Bücher zu technischen Themen herausgeben, aber im Selbstverlag schneller reagieren können. Als Freiberuflerin habe ich mich auch intensiv mit dem Thema Blockchain im Gesundheitswesen auseinandergesetzt, einen Vortrag darüber gehalten und diesen online gestellt. Danach kam eine ganze Reihe von Anfragen, in denen ich um Beratung gebeten wurde. Ich wollte das aber nicht mit den anderen Serapion-Themen vermischen und bearbeitete diese Aufträge daher in der Intellicore. Unter diesem Dach publizieren wir Bücher zu den Themen E-Health und Blockchain und beraten Unternehmen und Start-ups.

Hast du allein gegründet oder den Start der Firma direkt mit Partnern oder Mitarbeitern hingelegt?

Intellicore habe ich gemeinsam mit Matthias Lindhorst, einem Developer und IT-Consultant gegründet. Der Markt boomt und so haben wir sehr schnell mit Ratko Stambolija und Vladimir Miovski noch zwei freie Mitarbeiter an Bord geholt. Wir kommunizieren auf Englisch und über Ländergrenzen hinweg, eine Form, die auch den Abläufen in Blockchain-Projekten entspricht.

Mit welchen Angeboten geht Intellicore denn in den Markt?

Wenn ein Blockchain-Start-up seine Dienstleistung vermarkten will, dann funktioniert das anders als in anderen Feldern. Im Zentrum des Marketings steht das White Paper, das einerseits eine sachlich-akademische Darstellung sein sollte, andererseits aber auch das Ziel verfolgt, das Start-up in ein positives Licht zu rücken. Denn es gilt auch, Investoren vom Potenzial zu überzeugen und beispielsweise aufzuzeigen, dass das Start-up erfolgreich in eine tatsächliche Marktlücke stoßen kann. Die meisten Blockchain-Start-ups bringen auch technische Neuerungen auf den Markt. Dabei gibt es bei einem Blockchain-Geschäftsmodell allerdings eine Menge Variablen: Welches Protokoll wird benutzt? Soll eine interne Währung – ein sogenanntes Token – verwendet werden, und wenn ja, wie soll die interne Ökonomie genau funktionieren? Oder wie soll ein Initial Coin Offering (ICO) gestaltet werden, um Startkapital einzusammeln? Übrigens ein Vorgang, der ja nicht in allen Ländern erlaubt ist. Bei diesen und vielen anderen Fragestellungen beraten wir und kümmern wir uns, neben dem White Paper, um weitere Marketingaspekte und die Public Relations, beispielsweise über Social-Media-Kanäle oder mittels Fachforen.

Nenn uns doch mal zwei deiner bisher erfolgreichsten oder auch spannendsten Projekte und beschreibe bitte den Mehrwert, den der Kunde dadurch erfahren hat.

In einem noch laufenden Projekt haben wir für das Unternehmen Bob’s Repair mit Sitz in Las Vegas ein solches Whitepaper geschrieben. Es handelt sich bei Bob’s Repair um einen Marktplatz für Handwerker-Dienstleistungen mit Treuhänder-Service. Der Endkunde soll so die Möglichkeit erhalten, dass sein eingezahltes Geld erst nach Erbringen der vereinbarten Leistung durch den Handwerker an diesen weitergereicht wird. Auch hier war die Idee, auf eine Blockchain zu gehen. In der Diskussion mit dem Gründungsteam über ganz verschiedene Fragestellungen kam unter dem Strich heraus, dass das soziale Element, die Interaktion zwischen Dienstleistern und Kunden, sogar eines der zentralen Angebote der neuen Plattform werden soll. Dies hat sich auch auf die Wahl des zugrunde liegenden Protokolls ausgewirkt.

Für einen anderen unserer Kunden, der mit Sitz in London als eingetragener Broker schon lange in den internationalen Finanzmärkten unterwegs ist, wirken wir ebenfalls an einem solchen Whitepaper mit und haben darüber hinaus gerade gemeinsam in London Filmmaterial für Social-Media-Kanäle produziert. Ziel ist es, mit bestimmten Statements die Funktionsweise des Bitcoin-Prinzips und der Krypto-Währungen für eine breitere Öffentlichkeit verstehbar zu machen. Denn da dieses Prinzip in großen Teilen immer noch ein schwer zugängliches Spielfeld einer verschworenen Gemeinschaft mit sehr hoher technischer Affinität ist, existiert eine große Hürde, es zu einem Mainstream zu machen. Diese Hürde steht einem viel größeren Markt mit entsprechenden Wachstumspotenzialen ganz schön im Weg. Aber nur die gesellschaftliche Teilhabe vieler ermöglicht den Weg vom Nischenprodukt zum Mainstream – ein Ziel, an dem wir arbeiten. Dass darüber hinaus auch vorhandene Sicherheitslücken und Fallstricke des Systems eliminiert werden müssen, um Endkunden und Verbraucher zu überzeugen, ist klar.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung den KMU?

Ich glaube, dass es für KMU, die sich gut informieren und sorgfältig auswählen, im Bereich der Digitalisierung noch große Potenziale gibt und die Möglichkeiten sehr vielfältig sind. Das kann zum Beispiel damit beginnen, grenzüberschreitend Aufträge zu generieren, indem sich auch KMU über Auftragsplattformen im Netz Kunden suchen. Ebenso lassen sich auch grenzüberschreitend Mitarbeiter finden. Zudem bietet die Digitalisierung im Bereich der Work-Life-Balance gute Chancen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser gelingen zu lassen. Durch gut gestaltete Online-Kollaboration kann ich vom heimischen Büro aus nicht nur mit dem Arbeitgeber, sondern auch mit Kunden in aller Welt verbunden sein und sehr produktiv arbeiten. Was den Bereich der Blockchain angeht, ist die eingehende Beratung wirklich unerlässlich. Hier sollte niemand einfach dem Hype verfallen, sondern den genauen Vorteil für eigene Geschäftsprozesse exakt ausloten.

Welche genauen Vorteile siehst du denn in der Partizipation an der Blockchain?

Ein Beispiel: Das große Versprechen der Blockchain ist ja, die Macht über einen bestimmten Prozess dezentral auf viele Player zu verteilen, ohne dass es eine zentrale Autorität gibt. Wenn man nun eine Gruppe von Akteuren hat, die sich durchaus wohlgesonnen sind, das gegenseitige Vertrauen aber noch nicht als besonders belastbar eingestuft wird, dann bietet die Blockchain eine Möglichkeit, um effizienter zu arbeiten. Für verschiedene Nischenmärkte werden sich hier vermutlich in ein bis zwei Jahren vernünftige Modelle entwickeln. Im Moment werden zum Beispiel an mehreren Stellen Modelle entwickelt, wie man die Blockchain auch bei einer hohen Anzahl von Transaktionen skalierbar machen kann – daran hapert es bisher noch oft. Wann es dem Blockchain-Prinzip gelingt, zu einem Mainstream zu werden, kann im Moment wohl niemand fundiert vorhersagen.

Christina, wir werden die Entwicklung der Blockchain weiter verfolgen. Vielen Dank für dieses Gespräch!

2018-03-23T18:33:52+00:00