Interview mit Sebastian-Friedrich Kowitz, Mineral Resource Engineering, M.Sc., von talpasolutions

„Wer langfristig bestehen will, ist besser aufgestellt, wenn er beides anbieten kann: Hardware und Software!“

Sebastian, aus welcher Situation heraus hast du talpasolutions gegründet?

Bereits während meines Bergbaustudiums an der RWTH Aachen und auch danach habe ich bei der TÜV NORD GROUP, oder genauer, bei DMT gearbeitet. Die Aufgaben, die wir jetzt hier bei talpasolutions ausführen, nämlich Maschinendaten analysieren, habe ich dort bereits rund sechs Jahre lang – wenn auch händisch – erledigt. Fiel eine Maschine aus, wendete sich das Bergwerk natürlich an den Maschinenhersteller, um in Erfahrung zu bringen, was dazu hat führen können. Wenn eine neue Maschine anzuschaffen war, wir reden dabei über eine Investition von fünf bis zehn Millionen und auch darüber hinaus, wurde ein unabhängiges Gutachten angefordert, um bewerten zu können, ob die Maschine für den Prozess geeignet ist. Grundsätzlich kann man aus den Maschinendaten sehr viel herauslesen, allerdings gab es dafür noch keine automatisierten Prozesse und die Daten wurden auch nur für einen kurzen Zeitraum von wenigen Wochen gespeichert. Also war die Idee, das dauerhaft automatisiert anzubieten und so Berichte abrufen zu können, die Auskunft darüber geben, was die Maschine genau gemacht hat sowie dies letztlich auch visuell verständlich darzustellen. So können unsere Kunden das heute nutzen, um ein klassisches Fleet-Management durchzuführen, die Maschinen besser einzusetzen und eventuelle Probleme frühzeitig zu erkennen.

Bist du zunächst allein unterwegs gewesen oder hast du den Start der Firma direkt mit Partnern oder Mitarbeitern hingelegt?

Das Unternehmen habe ich gemeinsam mit drei Freunden gegründet. Zwei von uns sind Bergbau-Ingenieure, einer ist Software-Ingenieur mit großem Data-Science-Hintergrund und der Vierte im Bunde ist Betriebswirtschaftler. Im Vorfeld haben wir ein Jahr lang international recherchiert und uns mit über 40 Maschinenherstellern und Bergwerksbetreibern darüber ausgetauscht, wie eine solche Lösung genau aussehen sollte. Jetzt haben wir die erste Marktreife erreicht und gleichzeitig steigt der Ruhrgründerfonds mit Geldgebern wie beispielsweise ThyssenKrupp, Evonik und Innogy bei uns ein.

Mit welchen Angeboten geht talpasolutions denn genau in den Markt?

Unsere Lösung, mit der wir technische Daten aus dem Steuersystem für die Bergleute verständlich machen, ist skalierbar und kann mit kontextuellen Daten verbunden werden. Zum Beispiel mit denen einer Geo-Position: Wo ist ein Fahrzeug mit welcher Geschwindigkeit entlang gefahren? Wo sind Steigungen? Gibt es Schlaglöcher, auf die uns unterschiedliche Drücke in den Federn hinweisen? Wenn Maschinen interagieren: Wann ist ein Fahrzeug beladen? Wie viel Hubspiel wurde dafür benötigt? Wie steht es im Bereich der Maintenance um Ausfallzeiten, Grenzwerte und andere Berechnungen, die im Übrigen nicht mehr auf den Betriebszeiten, sondern durch Activity-Logs auf der tatsächlichen Nutzung basieren? Da gibt es eine Unmenge an Möglichkeiten, solche Daten betriebswirtschaftlich sinnvoll zu nutzen, um den gewünschten Geschäftserfolg zu erzielen. Dabei setzen wir, auch im Interesse unserer Kunden, die z. B. als international aufgestellte Maschinenhersteller langfristig planen müssen, auf ebenfalls entsprechend langfristige Verträge. So verhandeln wir mit einem Kunden aus dem Baltikum zurzeit über einen 13-Jahresvertrag, denn die Zyklen in dieser Branche sind generell sehr lang. In der Steine-und-Erden-Industrie wird durchaus auch auf 100 Jahre geplant.

Nenn uns doch mal eins eurer bisher erfolgreichsten oder auch spannendsten Projekte und beschreib bitte den Mehrwert, den der Kunde dadurch erfahren hat.

Gern. Ein Ölschieferbergwerk in Estland unterhält Fahrzeuge für acht Abbaubereiche und nutzt momentan drei Schichten, um sechs der acht Abbaubereiche zu bedienen. Nun wird geplant, alle acht in nur noch zwei Schichten anzugehen. Bei dieser Umstellung unterstützen wir und müssen eine Steigerung erreichen, was beispielsweise durch eine verbesserte Prozessorganisation und einen anderen Einsatz der Fahrzeuge möglich ist. Ein anderes Beispiel, um mal die Sicht eines Herstellers einzunehmen: Der kann auf Basis der Daten entscheiden, welcher Kunde einen verbesserten After-Sales-Service benötigt und wo bald Bauteile gewechselt werden müssen – ganz einfach, indem er die Maschine mit überwacht.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung den KMU?

Die deutschen, oft ja auch mittelständischen Maschinenbauer sind weltweit für ihre Produkte bekannt. Sie produzieren hauptsächlich Hardware, aber selten Software. Wer aber langfristig bestehen will, ist besser aufgestellt, wenn er beides anbieten kann: Hardware und Software! Es ist zwar keine App, die wir anbieten, aber wir kennen solche Beispiele und Entwicklungen aus verschiedenen anderen Lebensbereichen: Mehr und mehr orientieren wir uns bei der Wahl von Produkten daran, was wir mit dem Handy bedienen können – ob beim Autokauf oder der Auswahl einer neuen Heizung. Letztendlich wird die Entscheidung über den Kauf einer Heizung nicht mehr auf Basis der Heizung selbst getroffen, sondern über die App, mit der ich sie im Betrieb steuern kann. Diese Mehrwerte sollten KMU ihren Kunden anbieten können.

Um diese Innovationen gestalten zu können, ist die Zusammenarbeit mit jüngeren Unternehmen des Digital Business oft hilfreich. Denn diese verstehen sich darauf, die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen und -prozessen mit digitalen Technologien zu unterstützen. So können sich auch KMU im Wettbewerb um den Kunden einen wichtigen Vorsprung verschaffen. Nicht umsonst bedienen sich ja auch die großen Player, längst nicht mehr nur in den USA, sondern auch in Deutschland, unter dem Stichwort „Open Innovation“ der Kenntnisse und Fähigkeiten von Start-ups – denn man muss nicht immer alles selbst machen, sondern kommt in der Zusammenarbeit mit Komplementären oft besser und schneller ans Ziel. Diese Vorgehensweise ist auch für uns bei talpasolutions ganz normal. Wir arbeiten mit unseren Kunden sehr eng zusammen, damit wir deren Sicht auf ihr Business und sie unsere Sicht der Funktionsweise einer digitaleren Welt kennenlernen. So entwickeln wir ein gemeinsames, für das Unternehmen und dessen ganz spezielle Geschäftsprozesse erarbeitetes „Weltbild“ für die Zukunft. Damit kommt die Öffnung allen zugute.

Sebastian, vielen Dank für diese spannenden Einblicke in euer Business und Glückauf!

2018-03-23T18:13:16+00:00