Wissenschaft trifft Handwerk:
Building Information Modeling (BIM) in der Diskussion

Digitale Gebäudemodelle gelten als das Zukunftsthema der Baubranche. Um effizienter planen, bauen und instand halten zu können, setzen Auftraggeber und Auftragnehmer, Unternehmen, Handwerker und Behörden immer stärker auf das Building Information Modeling (BIM). Verschiedene größere Investoren und Bauherren sehen BIM bereits ab 2020 verpflichtend vor, andere werden bald nachziehen. Mit großer Sicherheit wird BIM auch bald den privaten Baubereich erreichen.

Rund 50 Geschäftsführer und Vertreter lokal ansässiger Handwerksbetriebe informierten sich am 12. März 2019 auf Einladung der Wissenschaftsstadt Essen und der Kreishandwerkerschaft zu Essen im Rahmen der Reihe „Wissenschaft trifft …“. Sie erfuhren, wie vollständige digitale Gebäudemodelle mit EDV-Programmen aus vielen einzelnen Objekten errichtet werden. Dazu zählen Baumaterialien und Bodenbeläge ebenso wie Elektroinstallationen und Rohrleitungen oder Beleuchtung, Fenster und Türen. Aber BIM unterstützt nicht nur bei der Ermittlung von Baustoffen und Kostenplanungen, sondern vernetzt alle Beteiligten über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks. Für das Handwerk gilt es also, dem dringenden Informations- und Handlungsbedarf nachzukommen, auch um bei zukünftigen Ausschreibungen nicht ausgeschlossen zu werden.

 

Es gilt, sich neu aufzustellen

Wolfgang Dapprich, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Essen, fasste das Thema so zusammen: „Das Handwerk muss sich den Anforderungen der Zeit stellen, wenn es überleben will. Was sich mit BIM zunächst im Bereich der Großobjekte zeigt, wird sich bald danach auch in den privaten Bereich herunterbrechen lassen. BIM wird tatsächlich die Zukunft sein.“

Martin van Beek, Kreishandwerksmeister, stellte die Anpassung betriebsinterner Prozesse in den Mittelpunkt: „Die Zukunft des Handwerks kann weiterhin so solide und erfolgreich sein, wenn die einzelnen Unternehmer Zeichen der Zeit früh genug erkennen und zum richtigen Zeitpunkt für ihr Unternehmen die richtigen Entscheidungen treffen. Das gilt insbesondere auch für die Anpassung der betriebsinternen Prozesse an die Herausforderungen beim Thema BIM.“

Auch bei der Stadt Essen ist BIM bereits aktuell: „Für die Ausschreibung des neuen Bürgerrathauses, das 2024 stehen soll, haben wir BIM als Anforderung mit in die Ausschreibungsunterlagen hineingenommen“, sagte Peter Adelskamp, Chief Digital Officer der Stadt Essen, und verwies auch auf die Bedeutung von Einsatzplanungen, beispielsweise der Feuerwehr, die zukünftig BIM-basiert verlaufen werden.

An welcher Stelle des Wertschöpfungsprozesses sieht sich das Handwerk?

Für das Handwerk stellt sich so die Frage, als welches Glied in der Kette eines sich verändernden Wertschöpfungsprozesses es sich zukünftig selbst sehen will. „Wollen wir zukünftig nur noch die Schrauber am Ende der Kette sein, oder macht es nicht mehr Sinn, neue Modelle und Services zu entwickeln und bereits in der Planung mit aktiv zu werden?“, fasste einer der anwesenden Handwerker mahnend zusammen.

Dabei klingt es verwirrend, dass viele Normen, die ein Verfahren wie BIM mit sich bringen müsste, in der Praxis noch gar nicht existieren. Anders betrachtet kann es für das Handwerk aber gerade deshalb wichtig sein, sich genau jetzt in die weitere Entwicklung mit einzubringen und somit dafür zu sorgen, dass sich die Bauplanung stark verbessert.

Fabian Schnabel, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Essen, verwies auf die Bedeutung von Informationen: „BIM wird ähnliche Antworten vom Handwerk erfordern, wie sie auch für Vertriebsplattformen im Internet notwendig sind. Wer bekommt von wem welche Informationen zu welchen und wessen Konditionen? Die Antworten des Handwerks werden über den eigenen Erfolg in Zukunft entscheiden.“

Ein weiterer Aspekt, der die Kunden betrifft: Die müssen sich darauf einstellen, zukünftig noch viel früher genau entscheiden zu müssen, was sie an welcher Stelle im Bauobjekt haben möchten. Gut vorstellbar also, dass Bauherren bald mit der VR-Brille durch den virtuellen Raum laufen, um Objekte zu begutachten, Fenster und Wände zu verschieben oder Türen auszutauschen.

Keine Angst vor der Veränderung haben

Philipp Süß, Maschinenbau-Ingenieur und Gründer von Süß & friends, ist mit seinem Unternehmen im Digitalen Pott vertreten. Er bietet Mittelstand und Handwerk den Zugang zu digitalen Fertigungsverfahren und hat die Veranstaltung interessiert verfolgt.

„Was sich im Maschinenbau und in der Autoindustrie bereits erfolgreich durchgesetzt hat, nämlich umfassende Datenmodelle zu nutzen, um daraus später Vorteile für die Fertigungsprozesse zu ziehen, wird sich nun auch im Baubereich immer stärker manifestieren. Diese Datenmodelle existieren über den gesamten Lebenszyklus eines Produktes und verbessern alle in diesem Zyklus stattfindenden Prozesse“, fasst er zusammen. „Deshalb schauen wir bei dieser Veranstaltung, wie Wissenschaft und Technik, Bauindustrie und Handwerk besser zusammenarbeiten können, um die Digitalisierung gemeinsam voranzubringen.“

Kirsten Pieper, Projektleiterin Digitaler Pott, und Phillip Süß, Geschäftsführer Süß & friends, nahmen an der Veranstaltung Wissenschaft trifft Handwerk in der Kreishandwerkerschaft Essen teil und standen für alle Fragen rund um die Digitalisierung und die Vermittlung digitaler Experten durch den Digitalen Pott zur Verfügung.

Auf die Frage, wie das Handwerk aus seiner Sicht bestenfalls mit der neuen Situation umgehen könne, fand er eine sehr beruhigende Antwort: „Man muss nicht immer von jetzt auf gleich alles auf einmal umsetzen und riesige Projekte angehen. Vielmehr geht es doch darum, zunächst einmal für sich selbst herauszufinden, wo denn überhaupt ein Vorteil für das eigene Geschäft liegen könnte und an welcher Stelle ich mir die Arbeit auch erleichtern kann.“

Kirsten Pieper, Projektleiterin Digitaler Pott, zeigte hier konkrete Schritte und Möglichkeiten auf: „Man muss als Handwerksbetrieb nicht alles selbst machen. Es gibt ja gerade hier bei uns im Digitalen Pott Experten, die bei der Entwicklung und Realisierung digitaler Lösungen zur Seite stehen. Und für all diejenigen, die Ihren Digitalisierungsprozess jetzt beginnen wollen, steht am Anfang oft die Frage ‚Wie starte ich?‘ Und da ist es immer wichtig zu wissen, wer einem die richtigen Werkzeuge an die Hand geben kann oder mit wem ich vielleicht auch über eine längere Phase zusammenarbeiten möchte. Die Türen des Digitalen Potts stehen auch dem Handwerk stets offen.“